Seit kurzer Zeit lässt sich eine allgemeine Trendwende zum Thema Studentenunterkunft feststellen. Was für viele zunächst befremdlich klingen mag, ist längst Realität – Studenten ziehen Privatsphäre und Abgeschiedenheit fröhlichen WGs vor. Und das in einer Phase des Lebens, wo Geselligkeit und Austausch eigentlich an vorderster Stelle stehen.

Selbst Wohnungsbaufirmen schrecken vor WG-Grundriss-Planungen zurück. Die Entwicklung scheint in Zeiten steigender Mietpreise ein regelrechtes Paradoxon zu sein.
Woher kommt dieser Trend? Und gibt er Anlass zur Sorge?

Wie es früher war

Im Studium ist das Geld knapp. Also gilt es, an allen Ecken und Enden zu sparen – eben auch bei der Wohnungssuche. Im letzten Jahrzehnt hat das gemeinschaftliche Wohnen unter Studenten daher eine regelrechte Blütezeit erlebt. In einer WG zu wohnen, war cool. Eltern waren froh um weniger Mietkosten und Studenten genossen die Vorzüge gemeinsamen Wohnens. Man war nie allein, es gab immer etwas zu lachen und Lerngruppen ließen sich auf diese Art und Weise auch einfacher bilden. Ein neuer Mitbewohner war Grund zum Feiern und auch Nebenkosten konnten geteilt werden. Viele Vermieter freuten sich, da das vorhandene Raumangebot auf diese Art und Weise optimal genutzt wurde und üppige Mieteinnahmen versprach.

Wo der Trend hingeht

Soweit die Vorteile des Lebens in einer WG. Der Trend geht jedoch in eine komplett andere Richtung. Junge Studenten ziehen es neuerdings vor, alleine zu wohnen – in einer 1-Zimmer-Wohnung oder dem eigenen kleinen Appartement, fernab von überfüllten Wohnheimen und florierenden WGs. Nicht selten verzichten sie dabei sogar auf eine zentrale Lage und wohnen in Randgebieten der Stadt.

Für viele Studenten ist das Zusammenleben in einer WG mittlerweile nur noch die Notlösung, falls sich nichts anderes finden lässt. Zu groß scheint der Ärger über nicht funktionierende Putzpläne, Lärmbeeinträchtigung durch Mitbewohner und eingeschränkte Paarungsmöglichkeit. Doch was hat es damit wirklich auf sich?

Wie er sich erklärt

Geht man dem Trend auf die Spur, stellt man fest, dass die Gründe dafür vielschichtig und komplex sind. Zum einen geht es den Studenten um Ruhe und Privatsphäre. Das Bad nicht teilen zu müssen und zu Prüfungszeiten Ruhe zu haben, um sich vollständig auf die anstehenden Aufgaben konzentrieren zu können, stehen dabei an erster Stelle. Durch Schreckensnachrichten in den Medien und die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich fürchten Studenten um ihre Existenz und sind bestrebt, im Studium gut abzuschneiden, um einen sicheren Grundstein für die Zukunft zu legen.

Hinzu kommt, dass durch die Niedrigzinspolitik der Immobilienmarkt aktuell attraktiv ist und viele Eltern von Studenten beschließen, ein kleines Appartement direkt zu kaufen, anstatt zu mieten. Somit lassen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Sie wissen das eigene Kind in Sicherheit und können nach Beendigung des Studiums aus dem Anlageobjekt Mietgewinn ziehen.

Darüber hinaus spielt ein gewisser gesellschaftlicher Wandel eine Rolle, der eng in Zusammenhang mit digitaler Kommunikation steht. Wo früher die WG-Küche als sozialer Austausch und die räumliche Nähe Gleichaltriger wichtig waren, gibt es heute Smartphones und Social Media. Den Studenten ist es egal, ob sie abends alleine sind, denn ihre Freunde sind nur ein paar Tasten weit entfernt.