Mehr Wildnis wagen ist eine Forderung vieler Menschen. Deutsche etwa mögen naturnahe Wälder, die Natur gefällt ihnen in ihrer ursprünglichen Form am besten. Eine Forderung von Bündnis 90 / Die Grünen lautet, in Deutschland wieder viel mehr Flächen in ihren ursprünglichen Zustand zu überführen, Urwälder zuzulassen und damit das Artensterben zu stoppen.

Gibt es Wildnis in Deutschland?

Es gibt tatsächlich in Deutschland Urwälder. Das sind Wälder, in denen jeder Eingriff des Menschen unterbleibt. Diese Wälder sind kybernetisch, das heißt, sie regulieren sich selbst. Allerdings sind diese Gebiete rar und klein, sie betreffen nur 0,6 Prozent der deutschen Fläche. Ihre Ausweitung wäre durchaus wünschenswert, denn sie dienen nicht nur dem Artenschutz, sondern sind auch dürreresistenter. Die Bundesregierung will den Anteil bis 2020 auf zwei Prozent der deutschen Fläche vergrößern. Die Grünen wollen private Waldbesitzer über einen EU-Naturschutzfonds fördern, damit sie ihre Wälder sich selbst überlassen. Der Fonds solle mit jährlich 15 Milliarden Euro ausgestattet werden, so eine Forderung der Partei. Gleichzeitig solle das EU-Programm LIFE für den Umweltschutz aufgestockt werden. Die Bundesrepublik solle ihre Mittel für den Naturschutz verdoppeln. In der Wählerschaft dürften diese Forderungen auf offene Ohren stoßen, denn die Deutschen sind sehr für Wildnis, wie schon vor einigen Jahren die Studie Naturbewusstsein 2015 des BfN (Bundesamt für Naturschutz) aufzeigt. Demnach halten 94 Prozent aller Deutschen die Natur generell für wichtig, 54 Prozent lieben sie in ihrer wilden Form am meisten. Dabei orientieren sie sich an den bekannten deutschen und europäischen Urwäldern:

  • Nationalpark Bayerischer Wald (im Übergang zum Urwald)
  • Urwaldinsel Vilm auf Rügen (kein menschlicher Eingriff seit 1538 mehr)
  • Wildes Kamptal in Niederösterreich 
  • Nationalpark Kalkalpen Oberösterreich (naturbelassen seit 1997)
  • Fichtenurwald Bödmeren in der Schwyz (seit Jahrhunderten unberührt mit zum Teil 500 Jahre alten Bäumen)
  • Dundo-Eichenwald auf Rab in Kroatien

Sind diese Urwälder wirklich echte Wildnis?

Nein, leider nicht. Echte Wildnis gab es in Mitteleuropa wohl zuletzt vor rund 2.000 Jahren. Seither hat der Mensch praktisch jeden Quadratmeter der Natur auf irgendeine Weise für sich genutzt – für die Jagd, die Land- und Forstwirtschaft sowie die Bebauung. Teilweise waren Wälder Rückzugsgebiete beispielsweise während der römischen Expansion in Richtung Mitteleuropa vor rund zwei Jahrtausenden. Dann setzte schon vor etwa 500 Jahren ein Umdenken ein, man überließ Teile der Natur wieder sich selbst. Dieser Prozess hält bis heute an: So entstehen moderne Urwälder oftmals in Regionen, die zuvor besonders intensiv genutzt worden waren. Viele solcher Gebiete finden sich heute in Ostdeutschland, es sind stillgelegte Truppenübungsplätze der NVA und der Sowjetarmee oder stillgelegte Braunkohlentagebaue. Sie sollen wieder zu echter Wildnis werden, doch das, was heute als “Urwald” (siehe oben) ausgewiesen ist, hat mit dem geohistorischen Urwald nur bedingt etwas zu tun. Dieser benötigt nämlich mehrere Tausend Jahre, um sich völlig auszuentwickeln.

Das, was wir heute unter “Wildnis” verstehen, ist ein soziokulturelles Konstrukt, das seinerseits schon aus dem 15. Jahrhundert stammt – also in etwa aus jener Zeit, in der man in Europa wieder Urwälder entstehen ließ. Das damals vermutlich entstandene mittelhochdeutsche Wort “wiltnis” meinte das Gegenteil von Kulturlandschaft. Die amerikanische Wilderness-Bewegung griff die Bedeutung im 19. Jahrhundert auf und machte daraus eine Philosophie. Aus dieser stammt unser Bewusstsein von Wildnis, das dennoch für unsere Naturbetrachtung durchaus bedeutsam ist.