Der Klimawandel ist nicht nur in der Arktis angekommen, möglicherweise hat er dort sogar begonnen. Alle zehn Jahre, so die Ergebnisse von Langzeitmessungen, verringert sich im Sommer die eisbedeckte Fläche des Nordpolarmeeres durchschnittlich um weitere 13 Prozent. Die Dicke des Packeises nimmt signifikant ab. Das ist zunächst eine besorgniserregende Nachricht für die dortige Fauna, aber auch für alle Menschen weltweit, bedeutet doch das Schrumpfen der Eiskappen einen Anstieg des globalen Meeresspiegels. Dennoch ist unser Planet mit interessanten, rückkoppelnden Regelmechanismen ausgestattet, die man vielleicht etwas mit dem komplexen Abwehrsystem des Menschen gegen Krankheiten vergleichen kann.

Im westlichen Teil der Antarktis beispielsweise führt die Entlastung des Untergrundes von den Eismassen zu einer überaus schnellen Hebung der Kruste. Die Anhebung der verbliebenen Eismassen vermindert nun das weitere Abrutschen des Gletschereises, was dem Anstieg des Meeresspiegels endlich entgegenwirkt. Der Leser mag sich noch an solch schaurige Nachrichten der letzten Zeit erinnern, dass das Abschmelzen des antarktischen Eises viel schneller vonstattengeht als bislang angenommen. In der Tat darf davon ausgegangen werden, dass das Eis im Küstenbereich, wozu auch das Schelfeis gehört, eine Art Bremsklotz für die Gletscher aus dem Landesinneren darstellt. Ohne Schelfeis fließen die Gletscher deutlich schneller ins polare Meer ab.

Das Aufwölben der Erdkruste

GIA ist die Abkürzung für „glaziale isostatische Anpassung“. Ein gutes Beispiel dafür ist der skandinavische Schild. Während der letzten drei großen Eiszeiten türmte sich das Eis in ganz Skandinavien zu einer extremen Auflast auf, so ähnlich wie wir es heute von Grönland kennen. In der Folge wurde die Erdkruste dort tief in den Erdmantel eingedrückt. Große Teile des skandinavischen Festlandes wurden so unter den Meeresspiegel gepresst, auch diesen Effekt sehen wir heute in Grönland. Als es in Europa endlich wieder wärmer wurde und die skandinavischen Gletscher weitestgehend verschwanden, wurde der Boden von dem enormen Druck befreit und der Erdmantel sowie die Erdkruste konnten sich wieder entspannen, was bis heute mit Hebungsraten des Gebirges von circa einem Zentimeter pro Jahr nachwirkt.

Beobachtungen in der Antarktis

Die Forschung geht davon aus, dass vor ungefähr 10.000 Jahren die antarktische Schelfeiskante sogar circa 200 Kilometer näher am Festland lag, als dies heute der Fall ist. Dieser Schrumpfungsprozess des Eises hatte sich aber selbst seine Grenzen gesetzt, indem die Entlastung vom Eis zu deutlichen Hebungen des Untergrundes geführt hat. Das damit verbundene Vorrücken der Küstenlinie trieb den verbliebenen Schelfeisrand wieder weiter nach außen.

Die stetig voranschreitende Erwärmung nach der letzten Eiszeit sorgte gerade im westlichen Teil der Antarktis dafür, dass die Eismassen dramatisch schrumpfen. Innerhalb des kurzen Zeitraums von circa 1.000 Jahren zog sich das Eis um sage und schreibe 1.000 Kilometer zurück. Doch dann kam es relativ plötzlich zu einer Umkehr des Prozesses. Anstatt ganz und gar zu kollabieren, wie es die meisten Modellrechnungen in einer solchen Situation vorgeben, rückte das Schelfeis wieder nach außen vor, und zwar um ungefähr 400 Kilometer. Dieser Prozess war allerdings deutlich langsamer, denn er dauerte immerhin 10.000 Jahre. Zwar können wir davon ausgehen, dass es auch dieses Mal zu dieser Prozessumkehr kommen wird, aber in Anbetracht der langen Zeiträume gibt es für die Küstenstädte der Menschen keine wirkliche Entwarnung.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Der GIA-Effekt läuft zu langsam ab, um das gegenwärtig dramatische Abschmelzen des westantarktischen Eises nennenswert aufhalten zu können, so das Credo der meisten involvierten Wissenschaftler. Die aktuellsten Forschungsergebnisse geben nun allerdings doch Anlass zu der Hoffnung, dass der überraschend rasante Anstieg der Landmassen das Potenzial hat, einem vollständigen Verlust des Eisschildes effektiv entgegen zu wirken.

Mithilfe von Satellitendaten und GPS-Messstationen auf der Oberfläche wurde festgestellt, dass sich der GIA-Effekt in der Westantarktis zurzeit mit einer Hebungsrate von 41 Millimetern pro Jahr bemerkbar macht, wobei die Geschwindigkeit der Hebung sogar noch weiter zunimmt. Erklärt wird dies mit den lokalen elastischen Eigenschaften des besonders heißen Erdmantels unter der westlichen Antarktis.

Natürlich hat jede Dynamik, so auch die rückkoppelnden Kontrollprozesse unseres Planeten, ihre angestammten Grenzen. Das heißt: Wenn wir es zulassen, dass die Erderwärmung in diesem Tempo weiter voranschreitet, werden die Landhebungen, insbesondere in der Antarktis, nicht die Kraft aufbringen können, ein weitestgehendes Abschmelzen der Gletscher zu verhindern. Somit werden die Küstenverläufe unserer Kontinente zukünftig ganz andere Formen haben, was mitnichten allein durch die Kontinentaldrift erklärt werden kann.