Es ist nun ungefähr ein Jahr her, als die Aufregung groß war wegen der Entdeckung des neuen Organs mit der Bezeichnung „Gekröse“. Jetzt macht wieder eine Sensation die Runde, denn Forscher fanden noch ein neues Organ, genauer ein drittes Gefäßsystem, im menschlichen Körper. Das mag eine große medizinische Bedeutung haben. Ob es sich dabei wirklich um ein Organ handelt, ist zurzeit noch Gegenstand der Untersuchung.

Ab wann ist ein Zellhaufen ein Organ?

Bislang hielt man es bestenfalls für ein unwichtiges Zwischengewebe, was sich da plötzlich als ein drittes Gefäßsystem entpuppte und dessen medizinische Bedeutung noch gar nicht eingeschätzt werden kann. „Interstitium“ ist die fachliche Bezeichnung jenes Zwischengewebes, das sehr wohl biologische Funktionen hat, wie einige Mediziner von der New York University School of Medicine glauben, herausgefunden zu haben. Wenn dem so ist, würde es sich tatsächlich um ein neues menschliches Organ handeln.

Wenn Wissenschaftler etwas nicht verstehen, was gar nicht so selten vorkommt, werden zuweilen geringschätzige Bezeichnungen verteilt, so zum Beispiel geschehen bei der „Junk-DNS“, das sind längere Abschnitte in unserem Erbgut, entlang derer gar keine Gene angeordnet sind. Inzwischen ist doch klar geworden, dass dieser „Müll“ sehr wohl wichtige Funktionen hat. Auch das Interstitium wurde aus Unkenntnis einfach nur (banal) Zwischenraum genannt, aber dieser Bereich zwischen den Organen scheint doch viel mehr zu sein.

Als die New Yorker Ärzte mithilfe der endoskopischen Mikroskopie den Gallengang eines Patienten untersuchten, fiel ihnen etwas auf, das in keinem Anatomiebuch beschrieben ist. Es gibt an dieser Stelle ein Netzwerk zahlloser Kammern, die mit Flüssigkeit angefüllt sind. Das war insofern neu, weil man bislang eine ganz andere und einfachere Vorstellung von den Zwischenräumen der Organe hatte. Dies gab dem Pathologen Neil Theise und seinem Team den Anlass, das umliegende Gewebe weiterer Organe genauer zu untersuchen mit dem Ergebnis, dass sich ganz ähnliche Hohlräume eigentlich überall in unserem Bindegewebe befinden, sogar im Bereich der Nase.

In dem Fachblatt „Scientific Reports“ wird offen darüber spekuliert, ob in diesem Fall sogar von einem eigenständigen Organ gesprochen werden muss. Immerhin muss ein Organ per Definition diese Bedingungen erfüllen:

  • einheitliche (Gewebe)Struktur
  • einheitliche Funktion des Gewebes

Das Interstitium erfüllt sogleich beide Kriterien. Das Team um Neil Theise fand diese Art Gewebe praktisch überall im Bindegewebe. Sie fanden weiterhin heraus, dass dieses Gewebe sehr wahrscheinlich mitverantwortlich für die Produktion von Lymphe ist, Funktionen des Abwehrsystems übernimmt und die Organe vor mechanischem Stress schützt.

Noch größer als die Haut

Unsere Haut galt bislang als unser größtes Organ. Diese Erkenntnis scheint nun zu kippen. Die Wissenschaftler haben nämlich abgeschätzt, dass das Interstitium ungefähr ein Fünftel unseres Körpervolumens ausmacht. Die Haut bringt es „nur“ auf den sechsten Teil des Körpergewichts.

Ebenfalls von großem Wert für die inneren Organe ist die Stoßdämpferfunktion dieses Gewebes. Es wird aber auch vermutet, dass es die Verbreitung von Metastasen erleichtert, weil es den Krebszellen einen Weg ins Lymphsystem weist. Daher stellt sich die Frage, ob diese Zwischenraum-Flüssigkeiten sogar zur Krebs-Früherkennung taugen.

Warum wurden diese Gewebestrukturen erst jetzt bekannt?

Bei mikroskopischen Standard-Untersuchungen werden die winzigen, mit Flüssigkeit angefüllten Hohlräume platt gedrückt oder durch chemische Vorbehandlung instabil. Die auf diese Weise zerstörten Strukturen wurden lediglich als unbedeutende Bindegewebsschicht interpretiert.

Um die Funktionen dieses Gewebes in Gänze zu verstehen, sind noch viele weitere Untersuchungen erforderlich. Dazu gehört auch die Diskussion des Organ-Status. Der Medizinprofessor und Zellbiologe Michael Nathanson von der Yale University School of Medicine glaubt eher an eine neue „Komponente“ von einigen Organen.