Wenn du an Seen denkst, hast du sicher idyllische Panoramen, Spaziergänge und nette Grillabende im Kopf. Ganz sicher denkst du nicht an die Arktis oder Antarktis, an Gletscher, Packeis und unendliche Ebenen aus Schnee. Doch auch hier existieren Gewässer – Seen, Flüsse, ja sogar Wasserfälle. Leider stellen sie hier jedoch nicht bloß ein interessantes und bisweilen hübsches Naturphänomen, sondern eine ernste Gefahr dar. Schuld ist – wie so oft – der beständig fortschreitende Klimawandel.

Wasser im ewigen Eis

In den meisten Gegenden der Antarktis ist es auch im Sommer zu kalt, um flüssiges Wasser zu ermöglichen. Das gilt jedoch in erster Linie für „Antarktika“, also den Bereich der Antarktis, der normalerweise gemeint ist, wenn Menschen vom Südpol sprechen. Er umschließt sowohl Festland als auch einen umgebenden Eisschild und Packeis – wobei sich die Ausdehnung der letzteren beiden mit den jährlichen Temperaturschwankungen stark ändert. Über den Jahresschnitt betrachtet, nimmt die Eismenge im Osten leicht zu, im Westen jedoch rapide ab. Insgesamt verliert die Eisfläche durch Abschmelzen daher über 50 Gigatonnen pro Jahr. Allerdings ist nur wenig dieser Masse auf Oberflächenwasser zurückzuführen. Dafür birgt die kalte Wüste ein anderes Geheimnis: Höchstwahrscheinlich liegen ein oder mehrere Gewässer unterhalb einer dicken Eisschicht versteckt. Deren Ausmaße sind noch vollkommen unbekannt, allerdings sind sie aller Wahrscheinlichkeit nach mindestens zwei Millionen Jahre alt. Darauf aufmerksam wurden Forscher unter anderem deshalb, weil gelegentlich rot gefärbtes Wasser, die sogenannten Blood Falls, unter dem Rand des großen Taylor-Gletschers austritt – dieses entstammt einem solchen See.

Ganz anders sieht es in der Arktis aus, zu der auch Grönland gehört. Hier steigen die Temperaturen im Sommer auf durchschnittlich 10°C, warm genug also, um Eis- und Schneeschicht großflächig zum Schmelzen zu bringen. Das führt zu einem dichten Netz aus Fjorden und Flüssen sowie hunderten Seen. Durch ihre Wärme schmelzen diese Spalten in das darunterliegende Eis und entwässern schließlich tief hinunter zum Gletscherfuß. Dort befinden sich unterirdische Wasserreservoirs gigantischer Ausmaße, die wiederum in den Ozean fließen.

Gefährliche Ausdehnung

Nun könntest du denken, dass Flüsse und Seen per se eine schöne Sache sind, vielleicht ja sogar die Lebensbedingungen arktischer Tiere und Pflanzen verbessern. Leider ist eher das Gegenteil zutreffend. Erst kürzlich haben Wissenschaftler festgestellt, dass anscheinend viele der Seen miteinander verbunden sind. Das konnten sie daraus schließen, dass diese in einer Art Kettenreaktion innerhalb kurzer Abstände hintereinander nach unten entwässerten – in einem Fall verschwanden fast 60 Seen gleichzeitig, in einem weiteren über 120 Gewässer in gerade einmal vier Tagen. Dabei entstehen gleich zwei ungünstige Effekte: Zum einen führen die vielen durch warmes Wasser entstandenen Spalten und Risse im Untergrund zu einer zunehmenden Destabilisierung des Eispanzers. Zum anderen begünstigen die Wassermassen unter den Gletschern einen Gleiteffekt, der diese an Geschwindigkeit gewinnen lassen könnte. Wie umfangreich und wie problematisch die Gewässerbildung und ihre Vernetzung für den Eisschild sowie den resultierenden Anstieg des Meeresspiegels sind, ist zurzeit noch Gegenstand der Forschung. Denn aufgrund der klimatischen Extrembedingungen und der Weitläufigkeit des Areals wurden die Zusammenhänge erst vor wenigen Jahren entdeckt.

Fazit: So hübsch Landschafts- und Luftaufnahmen von endlosen, glitzernden Seenlandschaften inmitten weißer Schneeflächen auch sind, sie sind ein Zeichen des zunehmenden Zerfalls unserer Polargebiete.