Es geht um eine Studie, die im Frühsommer 2018 veröffentlicht wurde. Das internationale Forscherteam scheint sich darin gegen die Klimamodelle der gängigen Lehrmeinung zu stemmen. Genauer betrachtet werden hier die großen Strömungen in den Ozeanen dieser Welt, die gleich einer überdimensionalen Fußbodenheizung klimabestimmend sind.

In der Vergangenheit gab es viele abrupte Änderungen der vergleichsweise stabilen globalen Strömungssysteme. Jedes Mal wurde das Klima davon deutlich tangiert, so ist es unter anderem aus Bohrkernen ablesbar. Von besonderem wissenschaftlichem Interesse, gerade mit Blick auf das Klima Europas, ist die „Atlantic Meridional Overturning Circulation“ (AMOC), die auch als atlantische meridionale Umwälzzirkulation bezeichnet wird. Trotz allgemeiner Klimaerwärmung würde ein Zusammenbruch dieser „Warmwasserwalze“ eine nachhaltige Abkühlung in weiten Teilen Europas bedeuten, die noch dazu von deutlich trocknerer Luft begleitet ist. 

Können selbstregulierende Mechanismen die Erwärmung zum Erliegen bringen?

Ganz anders argumentieren Chen Xianyao, Ocean University of China, und Ka-Kit Tung, University of Washington in Seattle. Beide Wissenschaftler äußerten sich im Fachmagazin Nature dahin gehend, dass eine sich abschwächende Umwälzströmung sogar zu einem merklichen Anstieg der globalen Oberflächentemperaturen führen würde. In einer Schwächephase des Golfstroms in der Zeit von 1975 bis 1998 wurde deutlich weniger Wärmeenergie von den oberflächennahen Wasserschichten in größere Tiefen verfrachtet. Damit einher ging ein messbarer Anstieg der Temperaturen. Dieser Prozess ist in etwa seit dem Jahre 2000 eher wieder rückläufig. 

Stefan Rahmstorf ist Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und kann dieser These nicht viel abgewinnen. Die Auswertung konkreter Messdaten bis in Meerestiefen von 2.000 Metern lässt nach seiner Ansicht die folgende Interpretation zu: Während der kalten Winterzeit sinkt die Temperatur des subpolaren Oberflächenwassers unter die Temperatur des Tiefenwassers. Es kommt daher zum Absinken des relativ dichten Wassers und zu einer effektiven Durchmischung in größeren Tiefen. 

Dieses kalte, dichte Salzwasser, das in etwa zwischen Labrador und Grönland in die Tiefe abdriftet, gilt als ein Antriebsmotor für den Golfstrom. Nachgespeist wird das absinkende Wasser von der wärmeren, leichteren Strömung aus südlicher Richtung, welches wiederum durch das abgesunkene Tiefenwasser aufgefüllt wird. Im Ergebnis hat sich eine ausgedehnte, längliche Konvektionszelle ausgebildet, deren oberer Warmwasseranteil als Golfstrom bekannt geworden ist. Durch vermehrt schmelzende Eismassen in Grönland strömt jetzt immer mehr Süßwasser in die oberflächennahen Schichten des Nordatlantiks. Die daraus resultierende Dichtereduzierung vermindert den Prozess absinkenden Oberflächenwassers deutlich, das heißt, das Schwungrad des Golfstroms verliert an Kraft. 

Allerdings sind die an Messbojen gekoppelten Temperaturmessungen lediglich auf Wasserschichten bis maximal 2.000 Meter Tiefe begrenzt. Johann Jungclaus, der am Max-Planck-Institut für Meteorologie arbeitet, ist davon überzeugt, dass diese Messungen auf Wassertiefen bis 4.000 Meter ausgedehnt werden müssen, um belastbare wissenschaftliche Aussagen ableiten zu können. Dennoch sieht Jungclaus in der nachweislichen Abkühlung des subpolaren Nordatlantiks sehr wohl einen klaren Hinweis auf die sich ständig weiter abschwächende AMOC. Der in der Summe kühlere Nordatlantik wird der Erwärmung in Nordwest-Europa effektiv entgegenwirken. 

Weitere Messungen sind erforderlich

Die fast provokative These von der pausierenden Erderwärmung findet auch der Klimaforscher Mojib Latif am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel interessant, nicht zuletzt, weil sie uns vielleicht noch einen Strohhalm der aufschiebenden Hoffnung gewährt. Doch Wärmeenergie verschwindet nicht einfach im Nirwana, sondern wird von den Ozeanen aufgenommen, die die Energie unter anderem in Form von Hurrikanen wieder loswerden. 

Latif stellt klar, dass direkte Temperaturmessungen der AMOC erst seit dem Jahre 2004 vorliegen, das sei ein noch zu kurzer Zeitraum für stichhaltige Interpretationen. Die Autoren der Studie schätzen die Entwicklungen anhand weniger Indizes ab, die möglicherweise von der Umwälzzirkulation beeinflusst sind. Die verwendeten Modelle sind noch zu einfach, um sich darauf stützen zu können. 

Dieser Argumentation pflichtet auch Hartmut Graßl, der renommierte Klimaforscher, bei. Was als „Pause der Klimaerwärmung“ vielfach diskutiert wurde, kann auch etwas mit der nicht ganz ausgeglichenen Energiebilanz unseres Planeten zu tun haben. Daher plädiert Graßl für genauere Messungen und deutlich längere Zeitreihen als fundierte Basis für die weiterführende Diskussion.

Fazit: Die Modellrechnungen ergeben sehr unterschiedliche Szenarien, die durch winzige Veränderungen einzelner Modellparameter zustande kommen. Wer am Ende recht hat, werden daher wohl die nächsten Jahre zeigen, die durchaus ein sich abkühlendes Europa im Gepäck haben können.