Antibiotika werden wirkungslos bei resistenten Bakterien

In regelmäßigen Abständen machen alarmierende Meldungen über antibiotikaresistente Krankheitserreger die Runde. Die teilweise falsche Anwendung und der sorglose Umgang mit diesen oft lebensrettenden Medikamenten sowie ihre verbreitete Verwendung bei der Tierzucht hat dazu geführt, dass manche Krankheitserreger inzwischen sogar resistent gegen Reserveantibiotika geworden sind. So musste die Umweltorganisation Germanwatch bei einem Test feststellen, dass fast ein Drittel der über 50 untersuchten Hähnchenfleisch-Proben von Discounter-Märkten „kontaminiert (waren) mit Resistenzen gegen Reserveantibiotika“. Multiresistente Bakterien fand man auch in Bächen und Badegewässern. Für gesunde Menschen sind diese Keime zum Glück meistens kein Problem.

Probleme und Gegenmaßnahmen

Schon eine einfache Wunde kann sich aber dauerhaft entzünden, wenn ein Verletzter beispielsweise in einen Bach gefallen ist, der mit resistenten Krankheitserregern aus der Tierzucht oder einer Kläranlage verseucht war oder wenn eine geschwächte Person mit kontaminiertem Fleisch in Berührung kommt. Niemand weiß, wie der Wettlauf zwischen der Entwicklung neuer Präparate und der Resistenzentwicklung bei Bakterien ausgehen würde. Als Reaktion auf diese Probleme gibt es Programme, welche darauf abzielen, die Indikationsstellung für Antibiotika besser zu regeln und die Vorkehrungen der Krankenhaushygiene anzupassen. Verbraucherverbände fordern, die Verwendung in der Tierhaltung drastisch einzuschränken. In der EU dürfen ab Ende 2021 Reserveantibiotika bei der Tiermast nicht mehr eingesetzt werden.

Phagentherapie als letzte Rettung

In 2017 richtete der spektakuläre Fall eines jungen Mädchens das Augenmerk auf eine seit langem bekannte Therapiemöglichkeit, die, außer in der ehemaligen Sowjetunion, in Vergessenheit geraten war. Zwei junge Patienten litten nach einer Transplantation an einer schweren Infektion. Alle verabreichten Antibiotika blieben wirkungslos. Die Fälle erschienen hoffnungslos. Glücklicherweise besann man sich dann auf Bakteriophagen. Das sind Viren, die darauf spezialisiert sind, sich mithilfe von speziellen Bakterien zu vermehren. Sie heften sich auf der Oberfläche des Bakteriums an und injizieren ihm ihre Phagen-DNS. Daraufhin beginnt das Bakterium Phagen zu produzieren. Später löst sich die Bakterienhülle auf und gibt die neu produzierten Viren frei, welche dann wieder Bakterien befallen. Für einen Patienten kam die Hilfe zu spät, die junge Frau könnte gerettet werden und vollständig genesen.

Was leistet eine Phagentherapie

Der große Vorteil beim Einsatzes von Bakteriophagen bewirkt allerdings zugleich auch einen Nachteil: Jeder Phagentypus wirkt nur gegen eine ganz bestimmte Bakterienart. Das bedeutet, dass ebenso viele Phagen kultiviert werden müssten, wie es krankheitserregende Bakterienarten gibt. Der Vorteil: Nützliche Bakterien im Körper bleiben verschont, beispielsweise solche, die den Verdauungstrakt besiedeln. Wenn alle Krankheitserreger vernichtet sind, gehen auch die Bakteriophagen zugrunde.

Heutiger Stand und Aussichten

Wie die Pharmazeutische Zeitung berichtet, wurden bereits 1919 „Phagen als natürliche Bakterienkiller“ eingesetzt. Der kanadische Mikrobiologe d’Hérelle entwickelte Phagenmischungen zur Therapie verschiedener Infektionskrankheiten. Durch die Entdeckung des Penicillins und die Entwicklung von Breitspektrum-Antibiotika, welche gegen viele verschiedene bakterielle Krankheitserreger wirken, geriet dies teilweise in Vergessenheit. In einigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion wurden Phagentherapien allerdings bis heute eingesetzt. Aufgrund der Resistenzproblematik bei der Antibiotikaverwendung entdeckt auch die weltweite Arzneimittelforschung diese Option wieder. In Deutschland hat sich ein Forschungsverbund „Phage4Cure“ gegründet. Sein Ziel ist „im Kampf gegen Infektionen Bakteriophagen als zugelassenes Arzneimittel zu etablieren“.