Die Anmeldung

Voller Vorfreude und mit einem riesengroßen Klopfen im Herzen stehst du am Tag deiner Anmeldung in einer großen Schlange in der Studentenkanzlei. Als du deinen persönlichen Guide in Form eines Programmheftes zu den Erstsemestertagen erhältst, kommst du dir zugleich so groß und doch so klein vor.

Die Bezeichnung „Ersti“ sagt ja schon alles – du hast noch keine Ahnung von irgendetwas. Trotzdem bist du ab sofort Mitglied eines eigenen Universums, welches sich dir nach und nach noch erschließen muss. Du kommst dir vor wie Harry Potter in seinem ersten Jahr in Hogwarts. Beflissen liest du das Heft und markierst dir alle wichtigen Stellen, jede noch so mögliche Anlaufstelle. Stolz kreist du dir jede für dich relevante Veranstaltung innerhalb der Erstsemestertage ein. Du kannst es kaum erwarten. Jetzt glaubst du eher, Hermine als Harry zu sein. Immerhin hast du bereits das ganze Buch zu deinem Einführungskurs gelesen.

Erstsemestertage

Zuerst bekommst du eine Einweisung in das digitalisierte Notenprogramm, welches von Studenten aus dem vierten Semester vorgestellt wird. Du fühlst dich zurückversetzt in die fünfte Klasse, als du von Tutoren aus der neunten Klasse durchs Schulhaus geführt wurdest. Beim Verlassen des Raums bekommst du von Helfern eine Tüte mit Werbegeschenken: einen Bleistift mit der Inschrift der Universität (du wirst vermutlich viel ausbessern müssen, so dass es ratsamer ist, einen Bleistift zu benutzen), einen Locher (so viel Papierflut wirst du noch nie in deinem Leben gesehen haben), einen Notizblock mit der Aufschrift der Einrichtung (so gibt es keine Ausreden fürs Nichtmitschreiben), zwei Radiergummis (deine Bleistiftlösungen werden nicht korrekt sein), drei Kugelschreiber (für das Notieren der korrekten Lösungen), zwei Packungen Gummibären (Achtung, du wirst keine Zeit mehr haben, viel zu essen, weshalb du den Notvorrat brauchst), einen Fahrradsattelschutz (du wirst nie behaupten können, der Bus sei ausgefallen oder das Auto nicht angesprungen) und ein Kondom (du willst sicherlich die Kurse eines Semesters aus unpässlichen Gründen nicht wiederholen müssen!).

Fast bist du dir sicher, in der ersten Klasse zu sein und eine Schultüte erhalten zu haben. Nur das Kondom hält dich davon ab, daran zu glauben, und zeigt dir wieder, dass du doch schon zu den Großen gehörst. Du hast nur einen kurzen Blick in die Tüte geworfen, weil du dringend weiter zu deiner nächsten Veranstaltung musst. Nachdem du gefühlt 5 Kilometer zu Fuß zurückgelegt hast, beginnst du daran zu zweifeln, dass der Seminarraum, den du gerade suchst, sich auch nur ansatzweise irgendwo in der Nähe befindet. Du willst „Google Maps“ befragen, stellst aber fest, dass dein Handyakku leer ist. Nach weiteren 15 Minuten, in denen du dich mit Odysseus identifizierst, wendest du dich hilflos an einen vorübergehenden Passanten, der so wirkt, als kenne er die Gebäude der Universität wie seine eigene Westentasche. Er macht dir klar, dass du von Anfang an in die entgegengesetzte Richtung gegangen bist und empfiehlt dir, mit dem Bus zurückzufahren.

Völlig errötet betrittst du ca. 20 Minuten zu spät deine nächste Veranstaltung, wo dir ca. 200 Menschen von ihren Sitzplätzen entgegenblicken. Du versuchst, dich möglichst unauffällig auf eine Fensterbank zu setzen – denn die Stühle sind bereits alle belegt. Nachdem du nun gelernt hast, wie du deinen Stundenplan erstellen und gestalten kannst, fragst du nach dem Ende der Sitzung eine x-beliebige Person, ob du in den ersten Minuten etwas verpasst hättest. So trittst du mit ihr in Kontakt, stellst fest, dass sie eines deiner Fächer teilt und ohne dass du dich dafür hättest anstrengen müssen, entwickelt sich im Laufe des Semesters eine Freundschaft.

Deine Hausaufgaben bestehen nun darin, alle weiteren Seminarzimmer im Vorfeld aufzusuchen und zu wissen, wo du jeweils hin musst. Somit hast du die erste Lektion erfolgreich abgeschlossen.