Die Vorlesungszeit beginnt, du steigst hoch motiviert mit vielen guten Vorsätzen in die Seminare ein und bist dir sicher: Dieses Semester wird alles anders. Du willst nichts mehr aufschieben, alle Aufgaben rechtzeitig erledigen und mit den Hausarbeiten gleich in der zweiten Vorlesungswoche beginnen. Doch dann erfasst dich ein böser Zauber. Du schiebst und schiebst und schiebst die Arbeit vor dir her bis zum dramatischen Finale kurz vorm Abgabetermin. Das kostet Nerven und die Noten leiden. Muss das immer wieder so sein?

Prokrastination ist weit verbreitet

Das Aufschieben unausweichlicher Arbeiten bis zur letzten Minute ist kein seltenes Phänomen. Viele Studierende haben es mindestens einmal erlebt. Krasse Formen nennen Experten Prokrastination – das ist das krankhafte Aufschieben, das immer wiederkehrt, negative Konsequenzen nach sich zieht und als psychische Belastung empfunden wird. Von der schweren Form sind Umfragen zufolge nicht nur bis zu 10 % der Studenten betroffen – eine solche Blockade kann Männer und Frauen aller Altersgruppen treffen.

So unterschiedlich wie die Betroffenen sind auch die Ursachen. Studierende der Geistes- und Sozialwissenschaften scheinen tendenziell eher zum Aufschieben / Prokrastinieren zu neigen als ihre Kommilitonen aus den Naturwissenschaften. Ein Erklärungsansatz: In den stärker strukturierten technisch-naturwissenschaftlichen Fächern dürfen Studenten einen Folgekurs erst belegen, wenn sie einen vorbereitenden Kurs erfolgreich beendet haben, sonst droht ein ganzes Semester Wartezeit. Der Druck, unmittelbar negative Konsequenzen zu erleiden, fehlt Studierenden in den Geisteswissenschaften häufig. Hausarbeiten werden auch noch später angenommen, Scheine lassen sich nachträglich anrechnen. So trainieren sich Geistes- und Sozialwissenschaftler über Semester hinweg das Aufschieben an. Andere Faktoren, die eine Rolle spielen können, sind einschneidende Veränderungen der Lebensumstände, Versagensängste, negative Erfahrungen mit Dozenten, eine depressive Erkrankung, Aufmerksamkeitsstörungen oder die Wahl eines falschen Studienfachs.

Jemanden einfach als faul zu bezeichnen, wird der Komplexität des Phänomens nicht gerecht.

Hilfe für Betroffene

Auch wenn dir das eine oder andere bekannt vorkommt, bist du nicht gleich ein hoffnungsloser Fall. Besonders zum Studienbeginn oder nach einem Hochschulwechsel fällt es manchen Leuten schwer, sofort alle Anforderungen zu erfüllen. Du solltest dir selbst gegenüber aber ehrlich sein und dich fragen:

  • Sind dir schon mehrmals Credit Points entgangen, obwohl du genug Zeit gehabt hättest, die nötigen Leistungen zu erbringen?
  • Belastet dich das Aufschieben emotional?
  • Denkst du nur sehr ungern an die liegen gebliebene Arbeit?
  • Wärst du gerne disziplinierter, aber weißt nicht, wie das gehen soll?
  • Fallen dir immer dann andere Dinge ein, die du scheinbar tun musst, wenn du mit der Arbeit anfangen willst (dazu gehört auch das alibimäßige Aufräumen und Putzen)?
  • Lässt du dich leicht von WhatsApp und E-Mails ablenken, obwohl du konzentriert büffeln müsstest?

Trifft nichts davon auf dich zu? Glückwunsch! Sonst: Nur keine Panik – dir kann geholfen werden. Oft reichen schon ganz kleine Verhaltensänderungen. Schalte dein Handy aus, wenn du dich an den Schreibtisch setzt. Triff dich in fest verabredeten Lerngruppen, belohnt euch am Ende einer Arbeitssession, z. B. indem ihr gemeinsam kocht. Schaffe dir Rituale, in die das Lernen eingebettet ist. Nimm dir überschaubare Etappen vor. Und: Lass dir helfen! Die Unis kennen das Problem. In den Schreiberwerkstätten, den Fachberatungen und den psychosozialen Beratungsstellen sitzen Profis, die dir mit Rat und Tat zur Seite stehen.