Ende April 2018 hat die russische Atomenergiebehörde Rosatom einem umstrittenen Projekt grünes Licht gegeben. Es geht dabei um den Bau schwimmender Atomkraftwerke, die vermeintlich für die Energieversorgung arktischer Außenposten dringend gebraucht werden. Ungefähr einen Monat später ging das erste schwimmfähige AKW, das circa 200.000 Menschen mit elektrischer Energie versorgen kann, vor der russischen Hafenstadt Murmansk vor Anker.

Zunächst quer durch die Ostsee

Die „Akademik Lomonossow“ ist schon ein sehr spezielles Transportschiff, das Ende April mit einem schwerwiegenden, rostbraunen Koloss, den entsetzten Blicken zahlloser Umweltschützer ausgesetzt, die Werft in St. Petersburg verließ. Ihr vorgezeichneter Weg führt auch entlang deutscher Küstenabschnitte via Skagerrak in Richtung Nordmeer, wo die schöne Reise weiter entlang der norwegischen Fjordküste, vorbei am touristischen Nordkap bis in den einzigen eisfreien russischen Marinehafen führte. Erst in Murmansk sollten die zwei Reaktoren des 145 Meter langen und 30 Meter breiten Kraftwerks mit nuklearem Brennstoff bestückt werden.

Energie für die nördlichste Stadt Russlands

Auf dem Schiff sind zwei Reaktoren installiert, die eine Leistung von 35 Megawatt bereitstellen können. Dies entspricht in etwa dem, was die Antriebsreaktoren atomar betriebener Eisbrecher zuwege bringen. Das 21.000 Tonnen schwere Schiff wird im Sommer 2019 im Hafen von Pewek in der Region Tschukotka festmachen, wo es sich dann circa 350 Kilometer nördlich des Polarkreises befinden wird. In dieser nördlichsten russischen Kleinstadt leben heute ungefähr 5.000 Menschen. In erster Linie geht es aber um die Energieversorgung der dort ansässigen Bohrinseln, denn der gesamte arktische Raum ist eine schier unendliche Quelle für Erdöl und Erdgas. Insofern wohnt dem Projekt eine nicht zu unterschätzende energiestrategische Bedeutung inne.

Wenn alles wie geplant funktioniert, können derartige hochseefähige AKW-Schiffe praktisch überall auf hoher See als energiereiche russische Außenposten installiert werden. Die damit erzeugte Energie kann, falls nötig, selbstverständlich auch für den Betrieb einer Meerwasserentsalzungsanlage eingesetzt werden.

Das Konzept des schwimmenden Atomkraftwerks vereint grundsätzlich mehrere Vorteile: Überall dort, wo in relativ kurzer Zeit ein hoher Energiebedarf zu erwarten ist, kann solch ein Reaktorschiff unmittelbar Abhilfe schaffen. Große Investitionen in aufwendige Stromtrassenverlegungen fallen dadurch weg. Auf der anderen Seite steckt hier aber der Versuch dahinter, mithilfe dieser kleinen Atomkraftwerke, die auch verniedlichend als „Mini Nukes“ bezeichnet werden, die Kernkraft wieder salonfähig zu machen, nachdem das Fukushima-Beben weltweit so vielen die Augen für die Gefahren durch Kernreaktoren geöffnet hat.

Der Wettlauf zwischen den Supermächten ist wieder eröffnet

Was die Russen machen, versuchen die Amerikaner schon lange. Das US-Unternehmen NuScale plant, ab 2020 zwölf wassergekühlte „Small Modular Reactors“ (SMR) à 50 Megawatt Leistung in dem Kraftwerk Intermountain West in Idaho zu bündeln. Das US-Energieministerium fördert derzeit alle Aktivitäten um das Thema SMR. Selbstverständlich beschäftigen sich auch im Silicon Valley über 50 Start-ups mit der innovativen Nukleartechnik.

Kritiker sehen eine gefährliche Entwicklung voranschreiten, weil diese Mini-Meiler mit hoher Wahrscheinlichkeit näher an dicht besiedelte Gebiete heranrücken werden, als dies für die großen Kernkraftwerke genehmigt wurde. Diesem Argument wird dadurch begegnet, dass gerade die russischen Werften einen großen Erfahrungsschatz beim Bau von Nuklearantrieben auf Schiffen vorweisen können, denn bereits die Sowjetunion war beim Bau atomgetriebener Eisbrecher, die noch heute die Fahrrinnen im Nordmeer eisfrei halten, weltweit führend.

Eine abschließende Anmerkung

Viele Staaten konnten sich bislang aus technischen und finanziellen Gründen keine Atomkraftwerke leisten, was in so manchem Fall gewiss gut war. Die mit Sicherheit kommenden Mini-Meiler werden für jedes Land bezahlbar sein, auch für jene Länder im Nahen Osten, die schon heute und nicht überraschend ein gesteigertes Interesse an der SMR-Technologie bekunden.